An diesem Volkstrauertag trauern wir hier und heute in Orsoy.

Nur noch wenige unter uns, haben Erinnerungen an den unmittelbaren Krieg, an Todesnachrichten von der Front oder aus Lazaretten.

Ich glaube, dass Trauern jedem einzelnen von uns überlassen werden sollte, trauern um verstorbene Eltern, Kinder, Großeltern, Verwandte und Freunde.

Das wir dennoch heute am Volkstrauertag 2010 hier stehen, verbinden wir mit Gedenken an die Millionen Tote der Weltkriege, an die Opfer von Gewalt, Terror und Willkür und dazu begrüße ich Sie alle, die hier vor unserem Ehrenmal erschienen sind.

Wir gedenken der Soldaten der beiden Weltkriege, die ihre Eltern, ihre Frauen und Kinder nie wieder sahen.

Wir gedenken der Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, die alles verloren, die den Strapazen der Flucht nicht gewachsen waren und unterwegs starben.

Wir gedenken der Menschen, die in den Lagern an Seuchen erkrankten und ohne ärztliche Hilfe starben.

Wir gedenken der Kinder, die erfroren und verhungerten, deren Leben vorbei war, ehe es richtig begonnen hatte.

Wir gedenken der Menschen, die wegen ihrer Religion und ihrer Weltanschauung in Konzentrationslagern missbraucht und getötet wurden.

Wir gedenken der chronisch Kranken und Behinderten, die nicht in das NAZI-Menschenbild passten und deshalb ermordet wurden.

Wir gedenken der Menschen, die in einem deutschen Unrechtsstaat unserer Zeit, ihre Meinung sagten, die ihre Freiheit suchten und von Nachbarn, Freunden und Verwandten verraten, verfolgt und getötet wurden.

Wir gedenken der Menschen, die durch ideologisch oder religiös motivierte Terroranschläge ihr Leben verloren.

Dieses Gedenken wird Jahr für Jahr wiederholt und Jahr für Jahr wird Krieg und Gewalt verdammt und der Frieden beschworen.

Doch während wir hier stehen, dem Männergesangverein und dem Spielmannszug zuhören, Kränze niederlegen und das Lied vom guten Kameraden hören, werden unverändert weltweit Kriege geführt und Menschen getötet, werden weltweit Menschen wegen ihrer Meinung und Freiheitssuche verfolgt, verhungern in diesen Minuten Kinder, basteln Terroristen Bomben.

Und wenn ich von Gewalt spreche, meine ich auch die Verbrechen, die gegen abhängige Menschen, besonders Kinder begangen wurden und immer noch werden, nicht nur in Kriegsgebieten sondern mitten in unserer Gesellschaft.

In Deutschland fühlen wir uns so sicher, „von deutschem Boden soll niemals wieder ein Krieg ausgehen", das war immer die Botschaft in den Reden zum Volkstrauertag.

Aber nicht erst seit 2010 gehen auch von Einrichtungen in Deutschland, von Menschen, die hier leben, Gefahren aus, die jeden von uns bedrohen.

Eingebunden in politische und militärische Allianzen sind auch wir in unserem Land Ziele von direkten Terrorangriffen.

Ist es deshalb aber gerechtfertigt, unsere Freiheit am Hindukusch verteidigen zu wollen ?

Ist es gerechtfertigt, deutsche Soldaten in einen Einsatz zu schicken, der bis vor wenigen Monaten nicht als Krieg bezeichnet wurde.

Die Mehrzahl der Politiker umgingen und umgehen die Frage nach dem Sinn eines solchen Einsatzes, verweisen z.B. auf Taliban- oder El Kaida-Bedrohungen und wissen doch, dass es um mehr geht als um Terrorbekämpfung. Es geht auch um Herrschaft und Ausbeutung von Rohstoffen, die Strategen mit westlicher Militärpräsenz sichern wollen, aber nicht für die Menschen dort, sondern für den Profit bei uns.

Es sind erst wenige Monate her, dass ein Bundespräsident wegen dieser von ihm genannten Einschätzung zurücktritt und vor einigen Tagen bekräftigt ein Bundesverteidigungsminister diese Einschätzung und wird weiter wie ein Pop-Star angesehen und führt die Beliebtheitsskala an.

Hier an dieser Stelle sage ich, dass Kriege Verbrechen gegen Völker und Menschen sind und nur Nutzen für Herrschende bringen.

Mehr als 40 deutsche Soldaten wurden in Afghanistan getötet und ich finde es unmöglich, wenn bei anschließenden Trauerfeiern das Wort Held von Politikern in den Mund genommen, von gefallen, im Feld geblieben gefaselt wird.

Stolz sollen Witwen, Kinder und Eltern sein, wenn es nach den offiziellen Reden geht. Diese Phrasen sollten sich Angehörige verbitten und Entschuldigung fordern, Entschuldigung fordern wegen einem Einsatz, der von Beginn an in Frage gestellt werden musste.

Ich verstehe die Angehörigen, die traurig über den Tod eines Soldaten sind, die wütend auf die sind, die sich effekthaschend neben einen Sarg stellen und dabei ihre eigenen Versäumnisse nicht anklagen.

Dabei ist es gleich, wer gerade in der Regierung oder in der Opposition ist.

Hier bei uns, hier in Deutschland muss die Basis geschaffen werden, dass Terror und Gewalt erstickt, das Frieden geschaffen wird und dazu benötigen wir keine Spitzel und Verleumdungen.

Wir haben in unserer Rechtsordnung Gesetze, die eingehalten und nicht ausgelegt werden müssen.

Unsere freiheitliche Grundordnung ist nicht für einen Täterschutz aufgebaut, sondern zum Schutz vor Tätern.

Dies sollten unsere Politiker und Justiz über Parteigrenzen hinweg mal ernst nehmen, nicht nur in Wahlkampfreden.

Nur dies reicht nicht aus, denn Frieden muss aus uns selber herauskommen.

Stolz und Ehrgeiz, Neid und Wut bedrohen unseren eigenen direkten Frieden.

Unsere Aufgabe ist es, diese in uns liegenden Bedrohungen zu bekämpfen.

Dazu brauchen wir nicht in die große Weltpolitik einsteigen, jeder für sich in unserem Ort muss diese Aufgabe kennen und wahrnehmen.

Da müssen wir bei der Erziehung unserer Kinder und Jugendlichen beginnen, in dem wir das Gespräch über die Generationen hinweg suchen.

Wir haben die Aufgabe, die Jugend dazu zu befähigen, zuzuhören, zu hinterfragen, zu lernen und mitzureden.

Dazu muss der Staat, die Gesellschaft, also wir alle, Möglichkeiten schaffen und investieren in unsere Kinder und deren schulische Ausbildung, damit selbständige Bürger erzogen werden.

Es bringt aber nichts, wenn wir unseren Jugendlichen nur theoretische Beispiele geben.

Auch wir müssen untereinander in der Lage sein, zuzuhören, zu hinterfragen, Meinungen anderer zu respektieren, eigene Fehler einzugestehen und nicht irgendwo, sondern beginnend hier in unserem Ort Orsoy.

Egal wo wir politisch stehen, egal welche religiöse Ausrichtung wir haben, egal welche Schulbildung wir besitzen, egal welche persönlichen Interessen wir verfolgen, auch dieser Ort Orsoy muss durch Gemeinwohl leben, sich durch Zusammenhalt entwickeln und nicht in Kleingezänk auseinander gebracht werden.

Karl Jaspers hat einmal gesagt, die Frage des Friedens ist keine Frage an die Welt, sondern eine Frage an jeden selbst.

Einfach gesagt meine ich:
lasst uns zusammen sprechen, lasst uns zusammen singen, lasst uns zusammen essen, lasst uns zusammen trinken und lasst uns zusammen leben.

Und wenn an einem Tag wie heute oder bei anderen Totengedenken gesagt wird: sie mögen in Frieden ruhen, sollten wir Lebenden erst einmal in Frieden leben.

Deshalb wünsche ich uns allen einen friedvollen Tag und eine friedvolle Zukunft.